Fallstudie
Die Form war entschieden. Ich musste sie zum Leuchten bringen.
Die SelfSightSeeing Company hat für EAM Systems eine Skulptur entworfen: ein Gehirn, aufgelöst in Röhren, rund zwei Meter hoch. 3D Druck Graz hat sie gefertigt und mich für die Elektronik dazugeholt. Diese Seite beschreibt, was es heißt, 1.740 LEDs in eine Form zu bringen, die man nicht verändern darf.

Die Aufgabe
Eine Skulptur, die nicht angestrahlt wird, sondern selbst leuchtet. Der Unterschied klingt klein und verändert alles: Ein angestrahltes Objekt braucht einen Scheinwerfer daneben. Ein leuchtendes Objekt trägt die Technik in sich.
Als ich dazukam, stand die Form bereits. Ein Gehirn, aufgelöst in Röhren, die einer durchgehenden Linie folgen — entworfen als Objekt, nicht als Leuchte. Rund zwei Meter hoch, auf einem Granitsockel, im Freien, ganzjährig.
Meine Aufgabe war damit nicht, eine Lichtskulptur zu entwerfen. Sie war, eine vorhandene Form zum Leuchten zu bringen, ohne sie dafür zu verändern.
Das Problem: die Form folgt der Gestaltung, nicht der Verkabelung
Eine Leuchtkette hätte man sich anders gewünscht. Kurz, gerade, gut zugänglich.
Die Röhren dieser Skulptur folgen einer Linie von rund elf Metern, aufgeteilt auf 26 Segmente, mit Schleifen, engen Radien und Kreuzungen. Das ist keine ungünstige Konstruktion — es ist die Zeichnung eines Gehirns. Sie sieht so aus, weil sie so aussehen soll.
Genau das ist der Normalfall bei gestalteten Objekten: Die Form ist das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt. Wer als Elektroniker dazukommt und die Form für seine Technik geradebiegen will, hat den Auftrag nicht verstanden.
Die drei Punkte auf dieser Seite sind deshalb keine Probleme mit der Skulptur. Es sind die Folgen einer Gestaltung, die richtig ist.


Drei Probleme, die aus der Form folgen
Elf Meter Leuchtkette verlieren unterwegs Spannung
Auf der Strecke liegen 1.740 LEDs — zwei Läufe, vorne und hinten auf einer Alu-Schiene, damit die Röhre von beiden Seiten gefüllt wird und keine Einzelpunkte durchscheinen.
Bei 12 Volt fällt über eine solche Strecke so viel Spannung ab, dass das Ende der Kette sichtbar anders leuchtet als der Anfang. Weiß wird gelblich, dann bräunlich. Bei einem Objekt, das aus einer einzigen durchlaufenden Linie besteht, fällt genau das auf — und zwar dort, wo das Auge der Linie folgt.
Die Lösung ist bekannt: Man speist den Strom nicht nur am Anfang ein, sondern an mehreren Punkten entlang der Kette. Die Frage ist, an welchen — und das hängt an der Form, nicht an einer Faustregel.
Dafür entstand ein eigenes Werkzeug: ein Rechner, vorausgefüllt für diese Skulptur — Stripmodell, LED-Zahl, Helligkeit, Leitungsquerschnitt —, der ausgibt, wo eingespeist werden muss, damit am ungünstigsten Punkt noch genug ankommt. Am Ende sind es drei Einspeisepunkte geworden.
Nicht die Einspeisung ist das Besondere, sondern dass jemand ausgerechnet hat, wo sie hingehört.
Der Controller hält den Strom nicht aus, den die Skulptur zieht
Bei voller Helligkeit und weißem Licht zieht die Skulptur rund 31 Ampere. Der Controller, der sie steuert, verträgt über seine Klemmen 13.
Das ist kein Fehler in der Auslegung, sondern der Normalfall: Ein Controller ist zum Steuern gebaut, nicht zum Tragen der Last. Wer trotzdem alles über ihn führt, bekommt ein Gerät, das im Sommer bei Vollweiß ausfällt — und zwar nicht sofort, sondern nach ein paar Stunden. Das ist die unangenehmere Sorte Fehler.
Der Laststrom läuft deshalb direkt vom Netzteil zu den Einspeisepunkten. Über den Controller geht nur das Datensignal.
Das Netzteil liefert 900 Watt, im Betrieb werden rund 130 gebraucht. Das ist kein Verschnitt, sondern die Auslegung: Gerechnet wird auf den ungünstigsten Fall — alles an, alles weiß —, betrieben wird weit darunter. Ein Netzteil, das dauerhaft an seiner Grenze läuft, ist das Bauteil, das zuerst ausfällt.
Ein Datensignal über elf Meter ist eine Einladung an Störungen
Die 290 Pixel hängen an einer einzigen durchgehenden Datenkette. Reißt sie an einer Stelle, ist alles dahinter dunkel — nicht ein Segment, sondern der ganze Rest.
Bei einem Objekt in der Werkstatt ist das ein Ärgernis. Bei einem Objekt, das auf einem Granitsockel vor einem Firmengebäude steht, ist es ein Termin mit Kran.
Deshalb liegen zwei Dinge zusätzlich in der Skulptur, die im Normalbetrieb nichts tun: eine zweite Datenleitung, die ab der Mitte parallel mitläuft, und ein zweiter Steuerausgang am Controller, der auf sie geschaltet werden kann.
Beides kostet ein paar Meter Kabel und eine Stunde Arbeit. Beides spart im Fehlerfall eine Demontage.

Wie es funktioniert
- WLAN oder App — die Skulptur meldet sich als WLED-Gerät im Netz.
- Ein ESP32-Controller erzeugt das Datensignal für die Pixelkette. Über ihn läuft nur Steuerung, kein Laststrom.
- Das Netzteil mit 12 Volt und 900 Watt speist den Strom an drei Punkten direkt in die Kette.
- In der Kette hängen 290 Pixel in 26 Segmenten. Jeder Pixel schaltet drei LEDs gleichzeitig — bei 12-V-RGBW-Strips ist das bauartbedingt so.
- Die Röhre streut das Licht, gefüllt von zwei Seiten.
Ein eigener Effekt, weil die vorhandenen nicht passen
WLED bringt über hundert Effekte mit. Fast alle sind für eine Linie gedacht — ein Lauflicht, das von links nach rechts läuft, ein Farbverlauf über die Strecke.
Eine Gehirnform ist aber keine Linie, auch wenn sie technisch als eine verkabelt ist. Was auf einem Streifen ein sauberer Verlauf ist, springt in dieser Form von der linken Hälfte in die rechte und zurück — weil die Kette so verläuft und nicht so, wie das Auge die Form liest.
Das ist wieder dieselbe Beschränkung wie oben: Die Form ist gesetzt, also muss sich die Software danach richten. Deshalb entstand ein eigener Effekt als WLED-Erweiterung — ohne den Kern der Software anzufassen, damit sich WLED weiter normal aktualisieren lässt.
Wer in zwei Jahren WLED aktualisiert, soll nicht feststellen, dass die Skulptur ihre Effekte verloren hat.
Die Farbreihenfolge stimmte nicht
Ein kleiner Punkt, der in jede ehrliche Fallstudie gehört: Der verbaute Strip erwartet die Farben in einer anderen Reihenfolge als angegeben, und der Weißkanal liegt auf der Position, an der WLED Grün vermutet. Bis das gefunden war, leuchtete die Skulptur in Farben, die niemand eingestellt hatte.
Kein dramatischer Fehler — aber genau die Sorte Zeitfresser, die man nicht einplant und die den Unterschied zwischen einem Nachmittag und drei Tagen ausmacht.

Ergebnis
Aufgestellt am 4. August 2026. Anlieferung mit Kran, Granitsockel, Mast, Skulptur — in dieser Reihenfolge, in einem Vormittag, mit dem Team von 3D Druck Graz und der SelfSightSeeing Company.
Sie steht im Freien, ganzjährig. Die Strips sind nach IP67 gekapselt, die Elektronik sitzt im Sockel.

Was hier steht, ist kein Ergebnis in Zahlen. Es ist ein Objekt, das ausgeschaltet und eingeschaltet gleichermaßen trägt — und das keine Leiter braucht, wenn etwas ist.
Was übertragbar ist
Die Technik richtet sich nach der Form, nicht umgekehrt. Wer als Zulieferer dazukommt und die Gestaltung für seine Verkabelung geradebiegen will, liefert ein schlechteres Objekt ab — und wird nicht wieder angefragt.
Reserve ist billiger als Rückbau. Ein Netzteil mit Luft, eine zweite Datenleitung, ein freier Steuerausgang — zusammen ein paar Prozent der Bausumme. Ein Kran für die Demontage ist es nicht.
Steuerung, die Updates überlebt. Eine Anpassung, die man beim nächsten Software-Update erneut vornehmen muss, ist keine Lösung, sondern eine Verabredung mit sich selbst.
Wer daran beteiligt war
Der Entwurf und die künstlerische Urheberschaft liegen bei der SelfSightSeeing Company in Deutschlandsberg. Gefertigt hat die Röhrenkonstruktion 3D Druck Graz — dieselbe Werkstatt, die mich für die Elektronik geholt hat. Auftraggeber des Gesamtprojekts und Standort ist EAM Systems GmbH in Graz.
Was das Objekt bedeutet und warum es diese Linienführung hat, steht hier absichtlich nicht. Das ist die Sache derer, die es entworfen haben.